Rasenflächen sind die Folge kontinuierlicher Störungen.

Störungen als Eingriff in Ökosysteme (Gärten)

Mit Störungen sind hier keine unerwarteten Besucher oder störenden Nachbarn gemeint, sondern gezielte oder ungeplante Eingriffe in das Pflanzenwachstum im Garten. Anders als Stress, der ein Zuviel oder Zuwenig an Wachstumsfaktoren wie Wasser, Licht oder Nährstoffen beschreibt, wirken sich Störungen meist unmittelbarer und gravierender aus, da sie mit einem direkten Verlust an Biomasse verbunden sind.

Der Rückschnitt lebender Biomasse – etwa von Laub, Trieben, Ästen oder Wurzeln – ist eine solche Störung. Der übliche Frühjahrs- oder Winterrückschnitt überwiegend abgestorbener Pflanzenteile erfolgt dagegen meist aus ästhetischen Gründen und hat kaum Einfluss auf das Wachstum; er stellt daher keine relevante Störung dar.

Gefüllter Wiesen-Storchschnabel (Geranium pratense 'Summer Skies') erwartet einen kräftigen Sommerrückschnitt für eine zweite Blüte.

Gefüllter Wiesen-Storchschnabel (Geranium pratense 'Summer Skies') erwartet einen kräftigen Sommerrückschnitt für eine zweite Blüte.

Die Geranium psilostemon-Hybride 'Freies Alst' blüht den ganzen Sommer und kann auf einen Rückschnitt gut verzichten.

Die Geranium psilostemon-Hybride 'Freies Alst' blüht den ganzen Sommer und kann auf einen Rückschnitt gut verzichten.

Ursachen der Störung

Für Pflanzen ist es unerheblich, ob eine Störung natürlichen Ursprungs ist oder durch menschliches Handeln verursacht wird. Entscheidend ist allein der Verlust an Biomasse. Typische Ursachen sind Schnitt, Mahd, Brand, Sturmereignisse, Verbiss, das Betreten von Beeten oder das regelmäßige Mähen von Rasenflächen.

In extremen Fällen entstehen vollständig vegetationsfreie Flächen, etwa durch Schuffeln, Hacken, Umgraben oder das wiederholte Befahren von Baustellen. Solche Eingriffe setzen die pflanzliche Entwicklung auf Null und verändern die Standortbedingungen grundlegend.

Im Vergleich zu vielen anderen Ziergräsern kommt Chinaschilf auch ohne Rückschnitt gut zurecht, hier bereits seit drei Jahren.

Im Vergleich zu vielen anderen Ziergräsern kommt Chinaschilf auch ohne Rückschnitt gut zurecht, hier bereits seit drei Jahren.

Je nach Region (Vegetationsdauer) wird Echter Lavendel nach dem letzten Frost und nach dem Höhepunkt der ersten Blüte geschnitten.

Je nach Region (Vegetationsdauer) wird Echter Lavendel nach dem letzten Frost und nach dem Höhepunkt der ersten Blüte geschnitten.

Pflege durch Störung

Auch wenn der Begriff zunächst negativ klingt, gehören viele Störungen zu den grundlegenden gärtnerischen Pflegeeingriffen. Ein Rasen etwa würde sich ohne regelmäßige Mahd rasch in eine völlig andere Pflanzengesellschaft entwickeln. Eine artenreiche Magerwiese entsteht nur deshalb, weil sie zu festgelegten Zeitpunkten gemäht und das Schnittgut abgeräumt wird.

Viele Gräser, Stauden und kurzlebige Pflanzen sind auf solche wiederkehrenden Störungen angewiesen. Sie sind häufig schnellwüchsig, konkurrenzschwach und profitieren davon, dass durch Mahd oder Schnitt dominante Arten zurückgedrängt werden. Ihre Störungstoleranz verschafft ihnen auf regelmäßig beeinflussten Standorten einen entscheidenden Vorteil. Paradoxerweise können Stauden unter solchen Bedingungen sogar ein hohes Alter erreichen.

Von den langblühenden Strauchrosen ist die Rose 'Parfum de l'Hay' nicht auf ständigen Rückschnitt angewiesen.

Von den langblühenden Strauchrosen ist die Rose 'Parfum de l'Hay' nicht auf ständigen Rückschnitt angewiesen.

Die Hechtrose oder Rotblattrose Rosa glauca benötigt alle paar Jahre einen Verjüngungsschnitt.

Die Hechtrose oder Rotblattrose Rosa glauca benötigt nur alle paar Jahre einen Verjüngungsschnitt.

Sinnvolle und problematische Störungen

Im Garten werden meist nur jene Störungen als problematisch empfunden, die nicht bewusst herbeigeführt wurden: Feuer, Sturm, Verbiss oder wühlende Tiere sind typische Beispiele. Viele andere Eingriffe sind jedoch integraler Bestandteil eines Pflegeregimes.

Eine klassische Formhecke etwa verlangt regelmäßigen Schnitt. Wird dieser unterlassen, verliert sie rasch an Qualität, gerät aus der Form und muss später umso radikaler zurückgeschnitten werden. In der naturalistischen Gartengestaltung werden solche Eingriffe bewusst reduziert. Stattdessen kommen Gehölze mit langsamerem, natürlicherem Wuchs zum Einsatz, deren Endgröße bereits in der Planung berücksichtigt wird. Das spart Pflegeaufwand und ersetzt formale Eingriffe durch angemessene Proportionen.

Rückschnitt von Salvia ×jamensis ‘Nachtvlinder’ nach dem Winter in einer Gartengestaltung in Viersen

Der Rückschnitt des teilweise wintergrünen Halbstrauchs Salvia ×jamensis ‘Nachtvlinder’ erfolgt nach den letzten starken Frösten, kurz vor dem Neuaustrieb – Teil einer Gartenplanung in Viersen.

Rückschnitt als klassische Störung im Rahmen der Pflege

Zu den typischen pflegerischen Störungen zählen auch Remontier- und Nachblüteschnitte. Nach der ersten Blüte werden dabei Blütenstände und oft auch Teile der Blattmasse entfernt, um die Pflanze von der Samenbildung abzuhalten und eine zweite Blüte anzuregen. Bekannt ist dieses Vorgehen bei Rosen, Rittersporn, Steppen-Salbei, Echtem Lavendel, Phlox oder verschiedenen Storchschnabel-Arten.

Andere Stauden wie Glockenblumen oder Frauenmantel werden nach der Blüte zurückgeschnitten, um die Bestockung zu fördern.

Auch wenn Gartenarbeit seit einigen Jahren diffamiert wird und leider das Wissen um diese Kulturarbeit (insbesondere im öffentlichen/kommunalen Raum) zunehmend abhanden kommt, gibt es Pflanz- und Pflegekonzepte, die auf die zweite Pracht dieser Pflanzen nicht verzichten wollen. Wie schnell ist doch ein zusammenhängendes Band (Drift) in Rasenmäherbreite und größer nach der ersten Blüte gemäht.

Eine Hecke aus Alpenjohannisbeere benötigt kaum einen Rückschnitt.

Eine Hecke aus Alpenjohannisbeere benötigt kaum einen Rückschnitt.

Schwarzer Holunder verkahlt, wenn der Rückschnitt ausbleibt. Rechts davon: Alpenjohannisbeere

Schwarzer Holunder verkahlt, wenn der Rückschnitt ausbleibt. Rechts davon: Alpenjohannisbeere

Torsten Matschiess – Gartenplaner und Buchautor Ob Pflanzplanung, naturalis­tische Gartengestaltung oder persönliche Beratung – das Studio Torsten Matschiess entwickelt Gärten mit Charakter, Struktur und Perspektive.
Gern erreichbar per E-Mail oder telefonisch unter: +49 173 3684081.

Unterscheidung von Störung und Stress

Nicht immer lässt sich eindeutig zwischen Störung und Stress unterscheiden. Eine kurzzeitige Überschwemmung nach Starkregen kann noch als Stress gelten. Bleibt das Wasser jedoch über Tage hinweg zentimeterhoch stehen, handelt es sich um eine Störung. Ebenso ist ein heißer Sommer zunächst Stress; führt extreme Hitze jedoch abrupt zu massiven Schäden an der Pflanze, wird daraus eine Störung.

Entscheidend ist stets die Auswirkung auf die Biomasse: Werden lebende Pflanzenteile zerstört oder entfernt, liegt eine Störung vor. Diese Differenzierung ist zentral für das Verständnis von Pflege, Planung und langfristiger Stabilität von Pflanzungen.

▲ Theorie und gärtnerische Praxis   ► Gartengestaltung


Diese Seite ist Teil einer Reihe von Informationsseiten mit gärtnerischem Fachwissen und pointierten Meinungsbeiträgen. Sie geben Einblick in die Arbeitsweise des Gartenplaners Torsten Matschiess und seines Studios für Pflanzplanung und Gartengestaltung. Die Inhalte werden kontinuierlich ergänzt und weiterentwickelt. Vertiefende Informationen finden sich im Gartenratgeber und SPIEGEL-Bestseller "Und es wächst doch!" sowie im ebenfalls preisgekrönten Buch "Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern", das sich mit naturalistischer Gartengestaltung und der erfolgreichen Entwicklung großer Gärten befasst.


Planung
Arbeiten
Publikationen
Vorträge
Kontakt