Ein Staudenbeet, dass im 6. Jahr ohne Pflege auskommt
FOTO: © Torsten Matschiess

Gärtnern in Zeiten des Klimawandels

Der Klimawandel ist im Garten längst spürbar. Längere Trockenphasen, Starkregenereignisse und verschobene Vegetationszeiten verändern die Bedingungen grundlegend. Ein bis in den Herbst belaubter Baum oder ein ganzjährig grüner Rasen sind keine Selbstverständlichkeit mehr. Gegenwärtige Gartenplanung muss diese Veränderungen berücksichtigen – gespeist aus eigener Praxis, pflanzenökologischen Erkenntnissen und dem fortlaufenden Austausch mit Fachkolleginnen und Fachkollegen.

Pflanzliche Superhelden und Ökosystemdienstleister

Pflanzen sollen heute vieles leisten. Sie sollen attraktiv sein, wenig Pflege erfordern, Hitze und Trockenheit aushalten, Starkregen verkraften und zugleich als Ökosystemdienstleister funktionieren: Lebensraum bieten, Insekten versorgen, kühlen, strukturieren. In dieser Erwartungshaltung werden sie schnell zu pflanzlichen Superhelden.

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Erwartungen nur selten von einzelnen Pflanzen erfüllt werden können. Entscheidend ist nicht die vermeintliche Superkraft, sondern die Passung zum Standort und zu den dort herrschenden Bedingungen.

Trockenheitsverträglich heißt nicht gartentauglich

Viele als trockenheitsverträglich beworbene Stauden gehören botanisch zu den sogenannten Stresstoleranzstrategen. Diese Spezialisten sind an extreme Standorte angepasst: magere, gut drainierte Böden, hohe Sonneneinstrahlung, geringe Konkurrenz. Unter diesen Bedingungen sind sie langlebig und stabil.

In normalen Gartenböden – oft nährstoffreich, dicht und zeitweise feucht – zeigen sie ein anderes Verhalten. Zunächst erscheinen sie vital, doch mit zunehmenden Niederschlägen verändert sich das Kräfteverhältnis im Beet: wüchsige Pflanzen und Wildkräuter breiten sich schneller aus, während die eigentlich vorgesehenen Arten an Raum und Licht verlieren. Mit dem steigenden Konkurrenzdruck nimmt der Pflegeaufwand zu, weil korrigierende Eingriffe notwendig werden. Diese Entwicklung ist gut dokumentiert und wiederholt sich unabhängig vom gestalterischen Anspruch.

Warum der Boden keine Stellschraube ist

Ein häufiger Ansatz ist der Versuch, den Boden gezielt an bestimmte Wunschpflanzen anzupassen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sich grundlegende Bodenverhältnisse nur sehr begrenzt und selten dauerhaft verändern lassen. Auch wenn punktuell Substrate ausgetauscht oder Böden bearbeitet werden, prägen Struktur, Durchlässigkeit und Wasserspeichervermögen den Standort weiterhin.

Solche Eingriffe sind aufwendig, wirken meist nur kurzfristig und führen langfristig zu erhöhtem Pflegeaufwand. Auf Dauer setzt sich der Standort durch – nicht die Planungsidee.

Sinnvoll und fachlich geboten ist hingegen ein möglichst tiefgründiges Lockern des Bodens vor der Pflanzung. Es verbessert die Durchwurzelbarkeit, fördert das Anwachsen und schafft die Voraussetzungen dafür, dass Pflanzen ihr Potenzial unter den gegebenen Bedingungen entwickeln können.

Gartengestaltung in Nettetal mit anpassungsfähigen Stauden und Gräsern, die auch ohne Bewässerung attraktiv bleiben.

Die Mischung macht’s: Diese Gartengestaltung in Nettetal bleibt über drei Jahre attraktiv, obwohl sie seit der Pflanzung nie gewässert wurde.

Robuste Pflanzungen statt Extremlösungen

Für die meisten Gärten bewähren sich Pflanzen mit einer ausgeglichenen ökologischen Strategie. Sie tolerieren wechselnde Bedingungen, kommen mit Trockenphasen ebenso zurecht wie mit feuchteren Perioden und entwickeln über Jahre stabile Bestände. Diese Pflanzungen reagieren flexibel, ohne ständig korrigiert werden zu müssen.

Auch heimische Pflanzen können dazu gehören. Ihre ökologische Bedeutung ist unbestritten, ihre Eignung hängt jedoch immer vom konkreten Standort ab. Darin unterscheiden sie sich nicht von den nicht-heimischen Arten.

Bewässerung als Unterstützung, nicht als Steuerung

Beim Pflanzen selbst ist eine gute Wasserversorgung unerlässlich. Danach sollte Bewässerung gezielt und zurückhaltend eingesetzt werden. Ziel ist es, Pflanzen durch Extremphasen zu bringen – nicht, optimale Wachstumsbedingungen dauerhaft zu simulieren. Langfristig fördert dies tiefere Wurzelbildung und größere Widerstandskraft.

Torsten Matschiess – Gartenplaner und Buchautor Ob Pflanzplanung, naturalis­tische Gartengestaltung oder persönliche Beratung – das Studio Torsten Matschiess entwickelt Gärten mit Charakter, Struktur und Perspektive.
Gern erreichbar per E-Mail oder telefonisch unter: +49 173 3684081.

Konsequenzen für die Gartenpraxis

Gärtnern unter sich verändernden klimatischen Bedingungen bedeutet, auf einfache Lösungen oder Trends zu verzichten. Entscheidend sind die sorgfältige Analyse des Ortes, eine realistische Einschätzung pflanzlicher Strategien und die Bereitschaft, Entwicklung zuzulassen. So entstehen Gärten, die nicht auf ständige Korrektur angewiesen sind. Sie bleiben stabil, in ihrer Gestaltung erkennbar und ästhetisch – auch wenn sich die Rahmenbedingungen weiter verändern.

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Diese Seite ist Teil einer Reihe von Informationsseiten mit gärtnerischem Fachwissen und pointierten Meinungsbeiträgen. Sie geben Einblick in die Arbeitsweise des Gartenplaners Torsten Matschiess und seines Studios für Pflanzplanung und Gartengestaltung. Die Inhalte werden kontinuierlich ergänzt und weiterentwickelt. Vertiefende Informationen finden sich im Gartenratgeber und SPIEGEL-Bestseller "Und es wächst doch!" sowie im ebenfalls preisgekrönten Buch "Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern", das sich mit naturalistischer Gartengestaltung und der erfolgreichen Entwicklung großer Gärten befasst.


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