Übersehene Kunst - Kolumne
30. Juli 2026 - Vielleicht kennen Sie die Situation. Ihre Kommune bekommt Fördermittel zur Ortsverschönerung und nutzt diese tatsächlich. Endlich weicht das jahrzehntealte Kopfsteinpflaster leisen Flüsterbetonsteinen, Pflanzkübel und Beete beruhigen den Verkehr und all die wunderbaren Blumen erfreuen nicht nur uns, sondern auch Wildbienen auf der Suche nach Futter. Genug geträumt! Die Realität sieht vielerorts so aus: Kommunen, die nicht im Geld schwimmen, haben von nachhaltiger Pflanzplanung entweder noch nie gehört oder wollen davon nichts wissen. Vielerorts sind sie vorbei, die fetten Jahre des Wechselflors mit Stiefmütterchen, Begonien, Chrysanthemen und Hornveilchen; erledigt der Prunk der Einjährigen wie Elefantenohr, Wunderbaum oder Spinnenpflanze. Stattdessen greift man direkt zu den bewährten Überlebenskünstlern klassischer Staudenbeete. Bei uns sind das Brandkraut, Katzenminze ‚Walkers Low' und Balkan-Storchschnabel. Reicht das Budget, wandern noch ein paar Zierlauch in die Erde. Statt die Pflege und Wässerung intelligenter zu machen, spart man sie weg.
Vor fast 5 Jahren entstanden in meinem Dorf im Rahmen einer Ortsverschönerung drei Beete als vergrößerte Baumscheiben für frisch gepflanzte Silber-Linden. Damals entschied man sich für die Staudenmischung „Silbersommer“, einen robusten Standard für öffentliche Pflanzungen aus Brandkraut, Atlasschwingel, Präriekerze, Goldgarbe, Perowskie und einigen Begleitstauden. Ich erspare Ihnen meine Spekulationen, warum selbst eine derart anspruchslose Pflanzung vor einem Jahr fast vollständig überarbeitet werden musste. Eine lokale Staudengärtnerei erhielt den Auftrag zur Neubepflanzung und auf der Webseite der Kommune stand geschrieben: „Die drei Staudenbeete … sind nun wieder bestens vorbereitet, um im kommenden Jahr in voller Pracht zu blühen und die Bürgerinnen und Bürger zu erfreuen.“
Vor einigen Tagen haben der Bürgermeister und der Verkehrs- und Verschönerungsverein in zwei der Beete Kunst enthüllt: Ein „Bauer“, ein „Torfstecher“ und eine „Besenbinderin“ aus Cortenstahl. Hätten sie mal an die Gärtnerin gedacht, wären sie nicht so achtlos in einem bestehenden Kunstwerk herumgetrampelt. Ja, Sie lesen richtig. Ich halte Staudenbeete nicht nur für ein wertvolles Kulturgut, sondern für Kunst. Erst bei dieser Begriffswahl reagieren die meisten Bildungsbürger reflexartig, bevor sie leichtfertige Eingriffe und achtlose Störungen an Pflanzungen vornehmen. Wer würde schon eine Skulptur auf ein Gemälde kleben? Das Problem bei unseren Beeten: Sie waren mangels Beauftragung der Pflege noch nicht als Kunstwerk zu erkennen.
Dass sich Dinge je nach Perspektive anders darstellen, zeigt auch meine heutige Bücherempfehlung über das fotografische Werk von Karl Blossfeldt, allen voran „Urformen der Kunst“. Er war Bildhauer und seine heute mehr als hundert Jahre alten Fotografien von pflanzlichen Strukturen, Formen und Texturen dienten Generationen von Kunstschaffenden als Inspirationsquelle. Die damalige Fototechnik abstrahierte die Pflanzenformen so stark, dass wir viele Blütenstände heute kaum noch erkennen würden.
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▲ Übersicht der Gartenkolumne "In meinem Garten"
Die Kolumne „In meinem Garten“ erscheint seit August 2018 sechsmal im Jahr im Magazin "Im Garten". In der Kolumne schildert Gartenplaner Torsten Matschiess Erlebnisse aus dem Alltag der Gartengestaltung. Alles dreht sich um Pflanzen, ihre Verwendung und empfehlenswerte Bücher über das Gärtnern. Sie erhalten das Magazin kostenlos in vielen Raiffeisenmärkten, Volks- und Raiffeisenbanken sowie Gartenfachmärkten.
