Baumfrevel an Nelken-Kirsche in Nettetal

Gartharsis - Kolumne

03. Februar 2026 - Ich bekenne: Auch ich schalte hin und wieder mein Gehirn aus. Dann greife ich nicht zu einem Buch, sondern öffne eine dieser sogenannten Social-Media-Plattformen. Dort rauscht es pausenlos durch die Gartenthemen von Insta und Co. Zwischen all dem Lärm finden sich durchaus schöne Gärten, ernsthafte Pflanzenjäger und Menschen, die ihr gärtnerisches Tun öffentlich ausleben. Ich streife dann auch durch asiatische Wälder, bestaune tropische Früchte und fremde Gehölze mit riesigem Laub, von denen ich weiß, dass sie hierzulande ohnehin nicht winterhart wären. Das ist harmlos. Das ist Unterhaltung.

Ich sehe mir auch gern diese Vorher-/Nachher-Gartenporträts an – und ertappe mich regelmäßig dabei, dass mir die Vorher-Version besser gefällt. Sie wirkt oft lebendiger, zufälliger, weniger geschniegelt. Danach beginnt der Teil, der mich zunehmend ratlos macht. Ich folge einem Hausmeister, der es schafft, jeden Strauch, dem er sich mit Werkzeug nähert, in dieselbe geometrische Form zu schneiden. Eine junge Dame empfiehlt in Endlosschleife Mittel gegen alle denkbaren Gartenprobleme – ohne je an deren Ursachen zu rühren. Symptombekämpfung als Geschäftsmodell. Das ist durchaus auch amüsant. Für einen Moment.

Leider versteht die Insta-Maschine meinen Humor nicht. Sie hält mein Amüsement für Kaufbereitschaft und spielt mir nun zuverlässig Werbung aus: für Baumfrevel, Gartendeko und digitale Gartenplanung. Letztere fasziniert mich besonders. Es gibt offenbar Menschen, die auf den persönlichen Kontakt mit ihrem Dienstleister verzichten, um eine der komplexesten gestalterischen Aufgaben überhaupt in ein Online-Formular, Fotos, E-Mails und vielleicht sogar noch ein Telefonat zu pressen. Ich stelle mir dann vor, wie kenntnisreich Gartenbesitzer sein müssen, um Bodenproben korrekt zu entnehmen, Flächen exakt zu vermessen und Gelände, Lichtverhältnisse, Nachbarschaft, Bebauung und Nutzung so zu beschreiben, dass daraus etwas Sinnvolles entstehen kann. Wegeführung, Pflanzung, Materialwahl und Raumwirkung sollen sich schließlich nicht zufällig, sondern stimmig zueinander verhalten. Wer all das leisten kann, braucht eigentlich keinen Online-Gartenplaner mehr.

Und hier beginnt mein heutiger Gartenhass. Nicht auf Pflanzen. Nicht auf Gärten. Sondern auf die Vorstellung, Garten ließe sich vereinfachen, beschleunigen oder auslagern. Auf die Idee, dass man Natur gestalten kann, ohne sich mit ihr einzulassen. Garthasis ist der leise Widerstand gegen eine Gartenwelt, die so tut, als ließe sich Haltung durch Produkte ersetzen. Und Erfahrung durch einen Klick.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich in solchen Momenten lieber zu einem Buch greife. Heute möchte ich Ihnen ein ganz kleines Taschenbuch empfehlen: Grüne Gedichte, eine Lyrik-Sammlung aus der Reihe Reclams Universal-Bibliothek. Von Ilse Aichinger über Ingeborg Bachmann bis zu Eduard Mörike und Ernst Jandl erzählen die Texte vom grünen Glück, vom Großstadtgrün und von grünen Abgründen.

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▲ Übersicht der Gartenkolumne "In meinem Garten"


Die Kolumne „In meinem Garten“ erscheint seit August 2018 sechsmal im Jahr im Magazin "Im Garten". In der Kolumne schildert Gartenplaner Torsten Matschiess Erlebnisse aus dem Alltag der Gartengestaltung. Alles dreht sich um Pflanzen, ihre Verwendung und empfehlenswerte Bücher über das Gärtnern. Sie erhalten das Magazin kostenlos in vielen Raiffeisenmärkten, Volks- und Raiffeisenbanken sowie Gartenfachmärkten.


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